Nichtverlängerung am Theater - normales Berufsrisiko oder Systemfehler?
Seit Monaten ringen Künstlergewerkschaften und Arbeitgeberseite um eine Reform des Nichtverlängerungsrechts im NV Bühne.
Aktuell sieht es so aus: Verträge, die für mindestens eine Spielzeit geschlossen werden, verlängern sich automatisch, sofern nicht eine der Vertragsparteien fristgemäß eine Änderung bzw. Nichtverlängerung ausspricht. Der Künstler seinerseits hat die Möglichkeit, zugunsten eines anderen Angebotes aus dem bestehenden Engagement zu scheiden und umgekehrt ist auch der jeweilige Intendant in die Lage versetzt, das Ensemble fast jederzeit quasi runderneuern und seinen persönlichen und künstlerischen Vorlieben anpassen zu können.Ein Beitrag für die Musiktheater-Zeitschrift Oper & Tanz.
Auf den ersten Blick klingt das nach einer klassischen Win-Win-Situation, die obendrein eine anhaltende Lebendigkeit des Ensembletheaters zu gewährleisten scheint.
Aber wie sieht eigentlich die Realität hinter den Kulissen aus? Wer sind die Gewinner und wer die Verlierer in diesem Spiel? Ist dieses Spiel überhaupt fair oder womöglich - insbesondere für die Künstler - eher so eine Art von unkontrollierbarem „Mensch ärgere dich nicht“?
"Augen auf bei der Berufswahl!"
...könnte ein Außenstehender lapidar entgegenhalten und hätte damit nicht einmal unrecht. Unbeständigkeit und soziale Unsicherheit gehören in gewisser Weise sogar historisch zur DNA von Bühnenkünstlern.
Die frühesten unserer Kollegen zogen einst im Planwagen durch die Lande. Wenn da mal ein Rad abfiel, keine nächste Auftritts- oder Unterkunftsmöglichkeit in greifbarer Nähe waren, dann bedeutete das eben buchstäbliches „Künstlerpech“ - mit allen Konsequenzen, als da waren: Hungern, Frieren und am Rande der Gesellschaft irgendwie ums Überleben kämpfen.
Wenn aber im nächsten Dorf auf dem Marktplatz eine Bühne aufgebaut werden konnte und das Wetter passte, dann wurden aus den zuvor häufig geächteten Randgestalten plötzlich Könige, Ritter, tragische, komische oder bewunderte Helden, Göttinnen oder Narren, die ihr Publikum verzauberten, denen die Herzen, der Applaus zuflogen und die in so manchem Zuschauer sehnsüchtige Träume zu wecken verstanden. Vielleicht sogar jenen: selbst einmal dort oben zu stehen, auf diesen Brettern, die die Welt bedeuten.
Heutzutage ist der Beruf des Darstellers anerkannte Profession und setzt - insbesondere beim Musiktheater - eine langjährige und aufwendige Ausbildung, in der Regel ein Hochschulstudium, voraus.
Glücklich schätzen darf sich, wer mit dem entsprechenden Diplom in der Tasche direkt anschließend Beschäftigung findet - sei es als Solist an einem Opernhaus, als Schauspieler in einem Ensemble oder aber im vergleichsweise sicheren Hafen eines Opernchores.
Verträge werden in der Regel für ein Jahr, manchmal auch für etwas längere Zeiträume geschlossen - aber sie sind immer befristet und mithin für den Künstler endlich.
Der Thespiskarren steht somit auch im 21. Jahrhundert weiterhin abfahrbereit vor der Haustür; Bleiben und Wurzelnschlagen sind a priori nicht vorgesehen.
Und doch besteht ein wesentlicher Unterschied zu jenen früheren „Künstlertruppen“ - denn damals waren sie in den unsicheren Lebensumständen und ihrem Ensemblegeist verbunden - zogen miteinander durch Dick und Dünn, spielten, hungerten, froren und feierten - als ein Organismus, eine Familie, eine Herde…
Aber irgendwann im Laufe des 19. Jahrhunderts begann man feste Theatergebäude zu errichten. Mit ihnen wuchsen auch neue Strukturen: leitende Funktionen und die administrative Tätigkeit wurden von der rein künstlerischen Ausübung getrennt und voilá - es entstand der Beruf des Intendanten.
Ab diesem Zeitpunkt saßen nun nicht mehr alle in einem Boot (bzw. Planwagen), auch wenn dieser Gedanke gern weiterhin (und insbesondere von leitender Stelle herab) beschworen wurde; sondern einige bekamen eben Plätze im Büro, während die anderen weiterhin ihre Körper und Seelen auf der Bühne entblößten, auf dem Seil tanzten und die Sterne vom Himmel sangen.
Vielleicht dachte der eine oder andere anfangs noch: Gut, dass sich jemand um das Theater und den Spielplan kümmert; so kann ich mich vollkommen auf die Kunst konzentrieren, habe ein Dach überm Kopf, muss nicht mehr auf Marktplätzen spielen und um Essen betteln.
Aber gleichzeitig stand ab diesem Zeitpunkt eben auch etwas anderes im Raum: Nämlich Macht.
Hatte man bis dato noch gemeinsam den Umständen getrotzt, so gab es im Theater nunmehr jemanden, der das Sagen hatte, von dem der Künstler abhängig war und dessen Gunst er zum Überleben benötigte. Ohne Angabe von Gründen konnte der Künstler jetzt fast jederzeit rausgeworfen werden - auch, wenn seine Nase nicht mehr passte oder er unbequem wurde und in unverblümter Offenheit einen strittigen Standpunkt verteidigte.
Zum vergleichsweise gemütlichen Thespiskarren als Symbol der Frühzeit des Theaters gesellte sich somit im Zuge der Moderne nun ein weiteres und deutlich weniger romantisches Bild: das Damoklesschwert der Nichtverlängerung.
„Ein Fehltritt bricht dir das Genick“
Wenn Chor und Ensemble zu Beginn des dritten Aktes von „Carmen“ gemeinsam singen
Écoute, écoute, compagnon, écoute, la fortune est là-bas, là-bas
und Walter Felsenstein den letzten Satz dieser Passage in seiner deutschen Übersetzung mit „Ein Fehltritt bricht dir das Genick“ treffend veranschaulicht, so ist das nicht nur die Erzählung der eigentlich gemeinten Schmuggeltour im Gebirge, sondern liest sich gleichsam wie die bestürzend klare Berufsbeschreibung eines Sängers, Tänzers oder Schauspielers am Theater.
Oder mit den Worten der amerikanischen YouTuberin Grahamophone in ihrem Folk-Song über die Partie der Königin der Nacht:
If it’s not perfect, then the battle is lost. Just how many more careers will this cost?.
Aber was macht eigentlich diesen sachlich distanziert klingenden Vorgang der sogenannten Nichtverlängerungsmitteilung aus, was steckt dahinter, wie fühlt es sich an, wie geht es für den betroffenen Künstler anschließend weiter?
Was bedeutet es wirklich - nicht nur auf dem Papier, sondern im Herzen - gesagt zu bekommen: Du bist hier nicht mehr gewünscht, Du passt nicht mehr, bist nicht gut genug?
Künstler hören dies manchmal nach etlichen Jahren im Engagement, bei Intendanzwechseln oder kurz vor dem Zeitpunkt, an dem ihr Vertrag die Befristung verlieren würde; sie hören es jedenfalls nach einer oft längeren Zeit, in der sie für ein Ensemble gelebt haben, ihre gesamte Energie auf die Bühne und in ihre Figuren haben fließen lassen, in denen sie „ihrem“ Theater nicht nur Arbeitszeit „verkauft“, sondern darüber hinaus Herzblut und auch viel persönliche Zeit geschenkt haben, wo sie mehr als einmal beide Augen zugedrückt haben, wenn es darum ging, in einer Probe „nur noch diese eine Szene“ fertigzustellen, selbst wenn dadurch die Nachtruhe beeinträchtigt oder die gesetzliche Tageshöchstarbeitszeit überschritten wurde; Jahre, in denen sie auch dem Publikum ans Herz gewachsen sind, vielleicht an diesem speziellen Ort eine Heimat gefunden und möglicherweise eine Familie gegründet haben.
Die Kunst bedeutet für die allermeisten Künstler mehr als reiner Broterwerb; solche Berufswahl wird selten aus ökonomischen Erwägungen getroffen, sondern aus Leidenschaft, Begeisterung und Liebe. Es handelt sich buchstäblich um Berufung. Und diese lässt sich nicht einfach am Bühnenausgang abstreifen wie ein Arbeitskittel. Sie lebt über die Arbeitszeit hinaus in allen Fasern des Seins - wie das Atmen und das Licht. Spielen, Singen und Tanzen sind tatsächlich eine Art Photosynthese im Vitalsystem des Darstellers - ein im Grunde lebensnotwendiger Prozess.
Trennungsschmerz
Eingestanden, jede Art von Kündigung tut immer weh und stellt den Betroffenen vor eine Vielzahl von Fragen: wie geht es jetzt weiter, finde ich eine neue Stelle, wo werde ich wohnen…
Aber oft sind es sachliche und objektiv weitgehend nachvollziehbare Gründe, die dahinter stehen: ein Betrieb muss geschlossen, die Belegschaft verringert werden oder jemand hat tatsächlich etwas „verbockt“ und ist deswegen für den Betrieb nicht mehr tragbar. Alles nicht schön, und trotzdem irgendwie verständlich.
Doch der Sänger, Schauspieler oder Tänzer, der eines Tages - und aus oftmals heiterem Himmel - von seiner Nichtverlängerung erfährt, kann das beim besten Willen nicht „sachlich“ oder funktional betrachten. Diese Mitteilung trifft einfach ins Herz des Künstlerseins, der Betroffene empfindet Scham, zweifelt an sich, fühlt sich womöglich schuldig oder einfach nicht gut genug.
Der berufliche Bruch wird zwangsläufig als persönliche Ablehnung empfunden, der Künstler kann nicht zwischen seinem Sein und seiner Kunst abstrahieren, weil alles in ihm von vornherein miteinander verwoben ist.
Gleichsam wie bei einer Trennung, wenn der Partner eines Tages plötzlich mitteilt, er habe jetzt jemand anderen gefunden oder wolle einfach generell nicht mehr zusammen sein. Welcher Mensch vermag eine solche Mitteilung rein rational zu betrachten?
Natürlich gibt es jene Fälle, wo es schon lange nicht mehr gut lief und beide Seiten eigentlich Bescheid wissen sollten. Dann ist es fraglos die beste Entscheidung, künftig getrennte Wege zu gehen.
Aber wenn einer mit Hingabe für die Beziehung (resp. das Theater) lebt, sich aufopfert, all sein Herzblut hineinfließen lässt und DANN vor die Tür gesetzt wird, ist dieses ungewollte Abschiednehmen von einer ganz anderen Tragweite und rührt neben den ohnehin existenziellen Fragen eben auch an viel tiefere Schichten des Menschseins.
Es wäre daher wirklich zu fragen, ob diejenigen, die hinter ihren Schreibtischen oftmals recht einseitig solche Entscheidungen fällen, wirklich verstehen, wie es sich anfühlt, von einem Augenblick auf den anderen den Boden unter den Füßen weggezogen zu bekommen - und zwar nicht nur ökonomisch, sondern unter Umständen auch im Hinblick auf das gesamte künstlerische Selbstverständnis.
Erwartet irgendjemand wirklich ernsthaft, der nichtverlängerte Künstler würde locker aus dem Raum spazieren, sich den Staub von der Kleidung klopfen und munter zum nächsten Casting gehen? Das ist eigentlich der unwahrscheinlichste Fall.
Die tiefe Verletzung und Verunsicherung wird er für die nächste Zeit erstmal im Gepäck tragen, es ist sogar fraglich, ob er anschließend überhaupt wieder in einem vergleichbaren Engagement landen kann; vielleicht wird er sogar den Beruf wechseln oder jedenfalls nach einer Position Ausschau halten, die ihm künftige „Trennungen“ eher ersparen wird.
Ohne Netz und doppelten Boden?
Woher stammt überhaupt die Mär, gute Kunst würde nur am Rande des Abgrunds wirklich effektvoll gedeihen?
Und wieso glaubt man, Künstler würden bei zu viel Sicherheit im Engagement möglicherweise bequem werden und schlechtere Leistung bringen?
Oder, dass Sänger mit den Jahren zwangsläufig schlechter sängen?
Wer hat dieses Narrativ einst in die Welt gesetzt? Und wer ist immer wieder bereit, ohne Hinterfragen daran zu glauben und ihm blindlings zu folgen?
Wird denn der Hochseilartist langweiliger und seine Darbietung in irgendeiner Weise schlechter oder weniger bemerkenswert, wenn er das im Notfall lebensrettende Netz unter sich weiß?
Viele der eindrücklichsten Begegnungen mit Bühnenkünstlern aller Sparten waren - jedenfalls für mich persönlich - oft jene mit Darstellerinnen und Darstellern in deren höheren Lebensjahrzehnten, die in ihrem Beruf, in ihrem Ensemble über lange Zeiträume zu Hause sein und sich dort entfalten konnten.
Die Vereinigung deutscher Opern- und Tanzensembles e.V. (VdO) setzt sich in diesem Zusammenhang für eine grundlegende Verbesserung der Strukturen, für ein tragfähiges Sicherheitsnetz, für Fairness, für wirksamen Schutz vor willkürlich gefällten Entscheidungen und für mehr Würde und Menschlichkeit in diesem fragilen Prozess ein.
Nichtverlängerungen sollen tatsachengestützt sein und müssen daher nachvollziehbar begründet werden, Mechanismen zur sozialen und ökonomischen Kompensation sollen in künftigen Tarifverträgen fest verankert werden und es bedarf verlässlicher Regelungen, die als Basis für ein stabiles Arbeitsklima auf beiden Seiten Vertrauen schaffen und nachhaltige Erfolge ermöglichen.
Ein Traum?
Zum Abschluss diese Vision: Wie würde eine Welt aussehen, in der Intendanten zu ihren getroffenen Entscheidungen auch längerfristig stehen müssten, wo ein kurzsichtiges „Hire and Fire“ nicht scheinheilig im Mantel der künstlerischen Freiheit daherkommen dürfte, sondern wo die Bühne wieder ein angstfreier Raum wäre, auf der die nach außen postulierten Werte von Menschlichkeit und Miteinander in gleicher Weise auch hinter den Kulissen gelebt würden?
Was wäre es wohl für eine lebenswerte, inspirierende und an Erfahrung reiche (Theater-)Welt, in der Künstler jederzeit an ihre Grenzen gehen und über sich selbst hinauswachsen dürften, wo sie zur gelungensten Version ihrer selbst reifen und in Würde altern dürften?
Ein Ort, an dem sich die Bretter, die die Welt bedeuten, letztlich für alle - Künstler, Intendanten und Publikum - in ein gemeinsames tragfähiges Fundament verwandeln, auf dem Träume, Visionen und Sehnsüchte ihre schönste Gestalt annehmen und so der Gesellschaft gleichsam Spiegel, Vorbild und Seelennahrung sein können.
