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Kein Freischütz in Bonn...

Der als „Alptraum für Deutschland“ deklarierte Agit-Prop-Abend am Theater Bonn ist am Ende vor allem das: ein Alptraum fürs Musiktheater. Wenige Wochen vor seinem 200. Todestag dürfte sich Carl Maria von Weber noch einmal kräftig im Grab umgedreht haben. Seine 1821 uraufgeführte romantische Oper „Der Freischütz“ wird am Theater Bonn auf dem Altar des politischen Aktivismus erbarmungslos zu Tode gefoltert. Vom düsteren Drama nach Beendigung des 30jährigen Krieges, den verletzten, verunsicherten Seelen der Menschen, von Wolfsschluchtromantik, der tiefen Melancholie böhmischer Wälder und geheimnisvoll-suggestiven Caspar-David-Friedrich-Landschaften ist an der Oper Bonn absolut nichts zu entdecken. Während der Ouvertüre flimmert eine bunte Bildershow aus Landschaftsaufnahmen, feiernden Menschen, glücklichen Familien und idyllischen Innenstädten über den Vorhang, die ab und an durch Aufnahmen von Flüchtlingsscharen konterkariert und etwas holperig mit der Musik in Einklang zu bringen versuc...

„Die Frau ohne Schatten“ als „theatralische Untersuchung von Peter Konwitschny“

Bordsteinschwalben, Luxusschlitten, Genlabor, jede Menge Revolver, ein wütendes Publikum, die fast schon mörderische Frage, wer hier warum Regie führte - und weshalb der Abend trotz aller Kritik einfach wunderbar ist. - Ein Beitrag für DAS OPERNMAGAZIN Bei Stückbeginn eröffnet sich dem Zuschauer der Blick auf eine schmucklose, in rötliches Licht getauchte Tiefgarage. Prostituierte in Latexklamotten, Netzstrümpfen und High Heels lehnen in branchentypischer Haltung an den Wänden. Einem luxuriösen Benz entsteigen gefährlich aussehende Männer in Lederkleidung, mit Sonnenbrillen, Glatzen und dem üblichen Equipment. Geldkoffer werden übergeben, Schüsse fallen, mit ihnen gehen direkt auch etliche der Gangster zu Boden; und während man als Zuschauer in den ersten Minuten noch eifrig bemüht ist, das Bühnengeschehen gedanklich irgendwie mit den Übertiteln übereinzubringen, hat bereits ein Blowjob an der geöffneten Autotür stattgefunden.  Eigentlich steht jetzt nur noch die Frage, ob es sich...

Kleine Künstler - ganz groß. Der Kinderchor am Rhein

Sie stehen als Lebkuchenkinder in „Hänsel und Gretel“ auf der Bühne, besingen das Schicksal der von Eis umgürteten Prinzessin in Puccinis „Turandot“, tollen als wildgewordene Rasselbande in „La Bohème“ über den Weihnachtsmarkt, verkörpern die Schar der Ministranten in „Tosca“ und beleben mit ihrem Spiel und ihren jungen Stimmen zahlreiche weitere Opern wie „I Pagliacci“, „Carmen“, „Die Frau ohne Schatten“, „Pique Dame“, „Werther“ oder „Der Rosenkavalier" - die Kinderchöre in der Oper. Dass sie noch viel mehr sein können, als der frisch klingende und muntere Farbtupfer in einer „norm alen“ Inszenierung, das beweisen in dieser Spielzeit die insgesamt sechzig Kinder des Kinderchors der Deutschen Oper am Rhein zusammen mit der Akademie für Chor und Musiktheater in der Uraufführung der Oper „Pinocchio“: Hier singen und spielen sie nämlich die Hauptrolle. - Ein Beitrag  für die Musiktheater-Zeitschrift Oper & Tanz . Foto: Daniel Senzek (Deutsche Oper am Rhein) ANFÄNGE Begonnen hatte...

Pinocchio - Eine Oper von Marius Schötz und Marthe Meinhold

Wer „Pinocchio“ hört, denkt im ersten Moment vermutlich vor allem an eine Holzpuppe mit langer Nase. Und vielleicht noch daran, dass Lügen nichts bringen und letztlich meistens auffliegen. Aber ist das wirklich die ganze Geschichte? Oder steckt darüber hinaus womöglich noch mehr in Carlo Collodis 130 Jahre alter Erzählung vom Holzschnitzer Geppetto, der eines Tages aus einem Stück Pinienholz einen kleinen Buben schnitzt, welcher unversehens zum Leben erwacht und dann als allererstes auf hölzernen Beinchen seinem verdutzten Schöpfer davonläuft…? -  Für DAS OPERNMAGAZIN besuchte Sibylle Eichhorn die Vorstellung am 9. Mai 2025 Das Regie- und Autorenduo Marius Schötz und Marthe Meinhold war von der Deutschen Oper am Rhein beauftragt worden, ein Stück zu kreieren, bei dem der Kinderchor die Hauptrolle spielt - und das im weitesten Sinne mit Pinocchio zu tun haben sollte. Tatsächlich hatte der Kinderchor vom ersten Tag der Entstehung eine Schlüsselrolle inne, denn die beiden Autoren ...

Erleuchtung neben der Autobahn - Die ökumenische Kirche am Rasthof Geiselwind

Spirituelle Erfüllung unterwegs. Wer auf der A3 zwischen Würzburg und Nürnberg unterwegs ist, etwas Ruhe inmitten seiner Reise erleben und auch gern feinere Fühler nach oben ausstrecken möchte, dem sei ein Halt am Rasthof Geiselwind und dort der Besuch der Ökumenischen Autobahnkirche ausdrücklich empfohlen. Vor längerer Zeit hatte ich in einem Gespräch etwas beiläufig aufgeschnappt, dass irgendwo in Deutschland eine energetisch gesehen besondere Autobahnkirche stände. Zwar wusste ich weder ihren Namen noch auch nur annähernd die ungefähre Lage. Aber das Thema hatte sich auf unbestimmte Weise in meinem Geist verankert. Zuweilen, während verschiedener längerer Fahrten durchs Land, wurde ich bei Hinweisschildern auf diverse Autobahnkirchen (in Deutschland gibt es derer übrigens 45) daran erinnert und fragte mich natürlich häufig, ob es gerade diese nun wohl wäre und ob ein Besuch eventuell lohnen würde? Aber irgendwie kam es dann doch nie dazu. Die Zeit war knapp, die Strecke lang; letztl...

Schatten der Macht - "Die Krönung der Poppea" am Theater Wuppertal

Immo Karaman und Fabian Posca durchleuchten mit ihrer Wuppertaler „Krönung der Poppea“ die Klüfte und Fallstricke menschlichen Strebens. Es wird gelitten, verführt, gemeuchelt, gelogen und manipuliert, was das Zeug hält; und der Zuschauer steht beim Betrachten von soviel Verworfenheit selbst wie schwindelnd am Abgrund seiner eigenen menschlichen Existenz. Rezension der Premiere am 30. April 2023 für DAS OPERNMAGAZIN Claudio Monteverdi hatte vor etwas über vierhundert Jahren mit seinem „Orfeo“ den Grundstein für alles, was wir heute unter Oper verstehen, gelegt. In seinem letzten, knapp 30 Jahre später entstandenen Werk „L’incoronazione di Poppea“ zeichnet er das beklemmende und bis heute erschreckend zeitgemäße Portrait einer durch unersättlichen Machthunger, Manipulation und zerstörerische Ignoranz ausgehöhlten Gesellschaft. Einer Gesellschaft, die von Gier nach Ansehen und Einfluss getrieben, ungerührt über Leichen zu gehen bereit ist, in der Selbstreflexion keinen Raum mehr findet u...